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aus der Chronik der Ev. Friedens-Kirchengemeinde

Am 08. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg zu Ende. In den Medien wurde zum 60. Jahrestag des Kriegsendes ausführlich berichtet, wie die Deutschen das Kriegsende erlebt haben. Aber wissen wir denn noch, wie es vor rund 60 Jahren in unserer Kirchengemeinde aussah?

Nach der Statistik für das Amt Nottuln haben im Jahre 1934 etwa 47 Gemeindeglieder hier gelebt. In den Jahren 1938 bis 1944 wurden die Kinder der Familien Brückmann und ein Herr Jürgen Beuther in Nottuln getauft. Am 01. Januar 1941 zogen die Eheleute Wilhelmine und Emil Leu nach Nottuln. Da es keinen evangelischen Gottesdienst am Ort gab, nahm Frau Leu gelegentlich an katholischen Abendandachten teil. Bis in das Jahr 1945 hielt sich jede evangelische Familie in Nottuln für die einzige am Ort. Man wusste nicht, dass es andere evangelische Familien in Nottuln gab. Auch war fast gänz-lich unbekannt, dass Nottuln zur Ev. Kirchengemeinde Coesfeld gehörte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges strömten viele Heimatvertriebene und Flüchtlinge aus den Ostgebieten und der damaligen sowjetischen Besatzungszone in unsere Region. Sie wurden auf den entlegenden Höfen der umliegenden Bauernschaften untergebracht. Um am Gottesdienst teilnehmen zu können, mussten diese Menschen weite Wege zu Fuß zurücklegen. Die Ev. Gemeinde wuchs von 40 auf etwa 600 Gemeindeglieder an. Regelmäßige wöchentliche Gottesdienste gab es in dieser Zeit lediglich in Coesfeld.

In den umliegenden Ortschaften Gescher, Reken, und Billerbeck gab es seit der Vorkriegszeit jeweils einmal im Monat einen Gottesdienst am Sonntagnachmittag im turnusmäßigen Wechsel. In Nottuln selbst fanden bis Ende 1945 keine Gottesdienste statt. Erst als es in Gescher einen Pfarrer gab, hat man die Gottesdienste neu geregelt. Die Gemeinden Billerbeck und Nottuln wurden 1945 und 1946 vom Pfarrer der Coesfelder Kirchengemeinde, Pfarrer Lic. Otto Plöger, betreut. Wann der erste Gottesdienst in Nottuln stattgefunden hat, ist aus den vorhandenen Aufschreibungen nicht mehr ersichtlich. Das älteste erhaltene Abkündigungsbuch der Gemeinde beginnt am 01. Januar 1946 und verzeichnet bereits für diesen Tag einen Gottesdienst. Nach der Neuordnung der Gottesdienste im Bereich der Kirchengemeinde Coesfeld wurde in Nottuln an jedem zweiten Sonntag im Monat ein Gottesdienst in der alten Schule gehalten. Den gottesdienstlichen Raum im Pfarrheim an der Domherrengasse konnte die Gemeinde erst seit dem 27. Oktober 1946 benutzen.

Um dem Gemeindeleben gerecht zu werden, wurde 1946 Pfarrer Wiard Roth nach Billerbeck entsandt. Am Pfingstmontag 1946 hielt Pfarrer Roth seinen ersten Gottesdienst in Nottuln, und zwar in dem gottesdienstlichen Raum der alten Schule. Der vierzehntägige Turnus, an jedem zweiten Sonntag im Monat um 14:30 Uhr Gottesdienst zu halten, wurde von Pfarrer Roth beibehalten. Aus dem Abkündigungsbuch der Gemeinde geht hervor, dass an den Sonntagen oft weit über 100, am 25. Mai 1947 sogar 150 Gemeindeglieder am Gottesdienst teilnahmen.

Um dem Gemeindeleben in der Ev. Gemeinde gerecht zu werden, wurde im Jahre 1946 Pfarrer Wiard Roth nach Billerbeck entsandt. Am 04. April 1947 fand erstmalig eine Konfirmation in Nottuln statt. Im katholischen Pfarrheim feierten zwei Jungen und fünf Mädchen das Fest ihrer Konfirmation.

An den Gottesdiensten nahmen oft mehr als hundert Gemeindeglieder teil. Die Gottesdienstbesucher waren Heimatvertriebene, die im Laufe des Jahres 1946 in Nottuln und Umgebung eine Bleibe finden mussten. Die Menschen kamen zeitig zum Gottesdienst, um sich hier zu treffen, um miteinander zu reden und die Sorgen, bedingt durch den Verlust der Heimat, gemeinsam zu teilen. Einen Eindruck von der Not der Zeit vermittelt ein Schreiben von Pfarrer Roth an eine Baumwollspinnerei, in dem er um einige Stoffreste zur Ausbesserung von Kleidungsstücken und etwa zwei Kilogramm Nähgarn bat. Pfarrer Roth hat diese Materialien von der Spinnerei nicht bekommen, vielleicht weil der Betrieb diese selbst nicht übrig hatte.

Pfarrer Roth berichtet 1947 über sein entbehrungs-reiches Amt in Billerbeck: „Als ich im Mai 1946 nach Billerbeck kam, wurde ich durch Herrn Pfarrer Plöger meinen Zimmervermietern vorgestellt. Die Handwerker waren noch an der Arbeit, durch Bomben Zerstörtes wiederherzustellen. Gleich nach meinem Eintritt in den Raum überlief mich ein eisiger Schauer, im Sommer genügten gewöhnlich 1,5 bis 2 Stunden Aufenthalt darin, sich für 14 Tage eine hartnäckige Diarrhöe zuzuziehen, die auch mit sonst sofort und radikal helfenden Mitteln nicht zu beseitigen war ...

"... Meine Verpflegung hatte täglich aus vier mal zwei eisgefrorenen Brotschnitten bestanden. Das Brot war zuletzt nicht mehr zu schneiden gewesen. Ich kaufte es mir geschnitten, brach es und ließ es im Munde tauen, um es einigermaßen genießbar zu machen und essen zu können. Im Sommer musste ich von verschimmeltem Brot leben. Eine Tasse Kaffee konnte ich mir nur in ganz seltenen Fällen leisten...“ Im April 1947 verließ Pfarrer Roth Billerbeck. Vor allem gesundheitliche Gründe zwangen ihn, nach nur einem Jahr seinen Dienst in der Gemeinde Billerbeck-Nottuln wieder aufzugeben.

Danach kam für kurze Zeit Pfarrer Manfred Mühle nach Billerbeck. Auch Pfarrer Mühle litt unter der Not der damaligen Zeit. Trotz umfangreicher Bemühungen ist es ihm nicht gelungen, eine Wohnung für sich und seine Familie zu finden. Da er keinen Anzug besaß, musste er seinen Dienst in seiner alten Soldatenuniform verrichten.

Die Kirchenleitung von Westfalen konnte sich immer noch nicht entschließen, eine Pfarrstelle in Billerbeck einzurichten. Die Verantwortlichen rechneten wohl noch immer mit der Rückkehr der Vertriebenen in ihre alte Heimat. Im August 1947 legte Pfarrer Mühle aus Protest sein Amt als Seelsorger in der Gemeinde Billerbeck nieder. Die beiden Hauptgründe für seine Amtsniederlegung waren das ergebnislose Bemühen um eine Wohnung sowie die Weigerung der Kirchenleitung, ihm als „Ostpfarrer“ endlich eine Anstellung als Gemeindepfarrer zu geben.

Auch im Jahre 1947 war die Kirchenleitung Westfalen nicht bereit, eine offizielle Pfarrstelle in der Gemeinde Billerbeck einzurichten. Als Nachfolger für Pfarrer Mühle kam am 1. November 1947 Pfarrer Ernst Stühmke nach Billerbeck. Einen Monat später wurde der thüringische Studienrat Dr. phil. Herbert Kretschmann von der Kirchenleitung Westfalen als Katechet und Prediger für Nottuln mit den umliegenden Orten und Bauernschaften Darup, Schapdetten, Limbergen und Appelhülsen, das damals noch zur Kirchengemeinde Dümen gehörte, eingesetzt. Der neue Seelsorger war von seinem äußeren Auftreten her eine eindrucksvolle Persönlichkeit.

Meistens trug er eine eng anliegende schwarze Jacke, eine so genannte „Kletterweste“ und langschäftige Stiefel. Sein Gesicht war mit scharf geschnittenen Schmissen gezeichnet. Trotz größter Anstrengungen ist es auch ihm nicht gelungen, eine halbwegs annehmbare Wohnung zu finden. So war er gezwungen, seine Unterkunft oft zu wechseln. Dr. Kretschmann hat in recht primitiven Unterkünften gehaust. Der unbeheizbare Raum, in dem er im Februar 1948 wohnte, hatte eine Größe von 3 mal 2,5 Metern. Die Gottesdienste fanden im Jahre 1947 für eine kurze Zeit in der katholischen Pfarrkirche St. Martinus statt.

Später wurde der Gemeinde im katholischen Pfarrheim ein etwa 9 mal 8 Meter großer Raum zur Verfügung gestellt, in dem nunmehr die Gottesdienste gehalten werden konnten. Im Jahre 1947 gab es neben den Gottesdiensten auch Adventsandachten und im Jahre 1948 freitags Passionsandachten. Nach dem Osterfest fanden sich die Gemeindeglieder dann statt zu Passionsandachten zu Bibelstunden zusammen. Am 14. März 1948 wurde in der katholischen Pfarrkirche St. Martinus das Fest der Konfirmation gefeiert. Zuvor hatte Dr. Kretschmann bei der Konfirmandenprüfung die Jungen und Mädchen wie auch sonst noch lange üblich den gesamten kleinen Katechismus des Dr. Martin Luther abgefragt. Die Konfirmation und die Amtshandlungen behielt sich Pfarrer Stühmke als Pfarrer seines Pfarrbezirks bis ins Jahr 1955 jedoch selbst vor. Im September des Jahres 1948 verließ Dr. Kretschmann Nottuln und kehrte in sei-ne Heimat nach Thüringen zurück.

Mit Wirkung vom 1. Juli 1948 wurde nun endgültig eine zweite Pfarrstelle in der Kirchengemeinde Coesfeld eingerichtet. Der Amtssitz war Billerbeck. Am 1. Mai 1949 wurde Pfarrer Stühmke durch Superintendent Brune in sein Amt eingeführt. An dieser Stelle muss noch darauf hingewiesen werden, dass die Pfarrer Roth, Mühle und Stühmke Bis 1949 nach ihrem rechtlichen Status Pastoren waren und keine Pfarrer, da die Pfarrstelle in Billerbeck erst im Jahre 1948 eingerichtet und im Jahre 1949 besetzt wurde. Trotzdem war hier von Pfarrern die Rede, da es sich um Theologen handelte, die nach ihrem Studium schon eine Pfarrstelle innehatten, und in Billerbeck den Dienst eines Pfarrer versahen.

Am 05. März 1967 konnte die Kirche „Unter dem Kreuz“ endlich eingeweiht werden. Als Nachfolger von Pfarrer Dr. Kretschmann hatte die Kirchenleitung am 06. Januar 1949 Diakon Gustav Hoffmann aus Lohrbarbeck mit der seelsorgerischen Betreuung der Gemeinde in Nottuln beauftragt. Diakon Hoffmann wurde am 18. Februar 1903 in Spohn im westpreußischen Kreis Berent geboren. Als im Jahr 1920 seine Heimat Westpreußen an Polen abgetreten wurde, ließ er sich für den Lehrerberuf ausbilden und unterrichtete vier Jahre lang an deutschen Schulen in seiner Heimat.

Mit dem neuen Seelsorger kam es im Gemeindeteil Nottuln zu einer wesentlichen Festigung der Verhältnisse. Diakon Hoffmann verstand es, auf die praktisch-materiellen Probleme der Gemeinde einzugehen. So öffneten sich ihm bald die Herzen der Gemeindeglieder. Er kümmerte sich um den Posaunenchor, der in den Jahren 1952 bis 1966 bestand und den er zunächst selbst leitete. Der Posaunenchor hatte im Jahr 1956 vierzehn Bläser. Für die Instrumente kamen bei einer Sammlung 620 DM an Spenden zusammen. Dieser Betrag reichte für die Bezahlung der Instrumente jedoch nicht aus. Es blieben noch Schulden in Höhe von 350 DM übrig. Zu diesem Betrag gab das Landeskirchenamt eine Beihilfe in Höhe von 300 DM. Die Gottesdienste fanden nun jeden Sonntag um 10:15 Uhr im Pfarrheim an der Domherrengasse statt. Bei stärker besuchten Gottesdiensten kamen die Gemeindeglieder im Saal der Gastwirtschaft Denter zusammen, so z. B. am 08. Juli 1951 anlässlich eines Flüchtlingstreffens. An jedem zweiten Sonntag im Monat war Kindergottesdienst, an dem etwa 15 Kinder teilnahmen. Ein treffendes Bild aus dem Gemeindeleben geben einige Auszüge aus dem Abkündigungsbuch Nottuln:

05. August 1951: Wir haben jetzt eine Büchersendung aus der Schweiz bekommen. Ausleihe: nach dem Gottesdienst. Bücher aus der Gemeinde werden erbeten, so dass wir eine Bibliothek von wenigstens 150 Bänden hätten.

 

11. April 1954: Es wird mir möglich sein, alle Familien, die noch keine Butter oder Käse erhalten haben, in den nächsten Tagen noch etwas Butter zu geben. Sollte aber die eine oder andere Familie vergessen werden, dann ist es nicht böse Absicht. Ich bitte, sich dann am Ende der Woche bei mir zu melden. Es ist hier störend empfunden worden, dass Gottesdienstbesucher sich vor Beginn des Gottesdienstes recht laut unterhalten. Ich bitte die Würde des Raumes zu wahren.

 

08. August 1954: Falls in der Gemeinde noch Männer oder junge Leute sind, die ein Blasinstrument spielen können, dann wäre ich dankbar, wenn sich diese bei mir gelegentlich melden würden. Wir wollen auch für Nottuln einen kleinen Posaunenchor ins Leben rufen. Der Klingelbeutel soll vorläufig dafür verwendet werden, um die Instrumente abzubezahlen.

1. Advent 1954: Es ist wieder eine Trommel Trockenmilch und etwas Butter vom Hilfswerk gekommen. Diese Lebensmittel sollen in unserem Bezirk so verteilt werden, dass jede Person ein Pfund Trockenmilch erhält und alle Familien, in denen Personen über 65 Jahre sind, ein Pfund Butter. Diese Sachen können Dienstag von der Wohnung Hoffmann abgeholt werden.

Am 25. September 1955 wurde Gustav Hoffmann von Superintendent Brune als Pastor in die Gemeinde eingeführt. Dauernd blieb jedoch Pfarrer Stümke als Gemeindepfarrer des gesamten Pfarrbezirks Billerbeck-Nottuln. Die Einführung des langjährigen Seelsorgers war ein besonderer Tag für die noch kleine evangelische Gemeinde. Im Pfarrheim an der Domherrengasse versammelten sich daher viele Gemeindeglieder um an dem Einführungsgottesdienst teilzunehmen. In seiner Predigt hob Superintendent Brune hervor, dass der neue Hirte nicht allein seine Lebens- und Weltanschauungen verkünden wolle, sondern den ringenden, zweifelnden und nach Gott fragenden Menschen nur eines zu sagen habe: „Komm tritt ein, ich will Dein Bruder sein!“ Mit den Worten: „So gehe hin und werde ein Bote Gottes.“ Beendete er seine Einführungspredigt. Danach hielt Gustav Hoffmann seine erste Ansprache als Pastor an die Gemeinde. In seiner Ansprache betonte Pastor Hoffmann, dass er sich bewusst sei, nicht nur ein Amt der Freude zu erhalten. Er wisse um die Sorgen und Nöte in der Gemeinde und wolle daher nicht über der Gemeinde stehen, sondern mitten in ihr. Anschließend versammelten sich die Gemeindeglieder im Saale der Gastwirtschaft Denter. Amtsdirektor Ballhorn überbrachte die Glückwünsche der politischen Gemeinde und betonte, dass Pastor Hoffmann sich durch seine Toleranz und stete Hilfsbereitschaft die Wertschätzung der gesamten Bevölkerung erworben habe. Es sei sein Verdienst, dass hier in Nottuln die katholische und die evangelische Gemeinde in Brüderlichkeit nebeneinander ständen.

Pastor Hoffmann kümmerte sich besonders darum, dass die Gemeindeglieder Wohnungen und Arbeitsplätze erhielten. Da er handwerklich geschickt war, fertigte er unter anderem die Altarleuchter für den Altar an. Schon bald konnte in der Gemeinde ein Inventarverzeichnis angelegt werden. Im Jahre 1949 wurden ein Harmonium, das im Mai 1949 für 300 DM angeschafft wurde und für das bei einer Haussammlung 162 DM gespendet worden waren, ferner eine Kanzel, ein Altar mit Podium, zwei Altarleuchter sowie eine Altar- und eine Kanzeldecke aufgeführt. Ende 1950 kam eine kleine Glocke hinzu, die im Flur des Pfarrheims an der Domherrengasse aufgehängt wurde. Im Jahr 1957 wohnten in Nottuln 515, in Schapdetten 21 und in Appelhülsen 162 evangelische Gemeindeglieder. Für die Gemeinde war es ein bitterer Verlust, als ihr Pastor am 06. Mai 1961 starb. Sein Grab ist auf dem Nottulner Friedhof.

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